BerlinOnline Berliner Zeitung
Donnerstag, 07. Februar 2002

Die Anwältin der kleinen Helden

Petra Ahne

Die kleinen Helden der Berlinale versammeln sich in diesem Jahr wieder im Zoo-Palast. Ida gehört dazu, die beschließt, eine Bank auszurauben, um die Operation für ihren kranken Vater bezahlen zu können. Zahra, die ein verletztes Küken beschützt, das die Erwachsenen umbringen wollen. Minoes, die am liebsten rohen Fisch isst, und auf Dächer klettert, weil sie eigentlich eine Katze ist. Die drei kommen in Filmen vor, die Renate Zylla für das Kinderfilmfest ausgesucht hat. Es könnte passieren, dass sie nie wieder ein so großes Publikum haben wie bei den Vorführungen im Zoo-Palast. "Die Kinderfilme haben ein Leben beim Festival, aber keines danach", sagt Renate Zylla. Dass sie am Festival teilnehmen, verdanken sie ihr. Dass sie vielleicht nie ins Kino kommen, den Verleihfirmen. Denn die zweifeln immer noch daran, dass es für den Kinderfilm einen rentablen Markt gibt.

Renate Zylla, 46, ist so etwas wie die Anwältin der kleinen Berlinale-Helden. In den 14 Jahren, in denen sie die Sektion nun leitet, hat sie die Programmreihe aus der Pädagogen-Ecke herausgeführt, sie selbstbewusst und beachtet gemacht. Ohne Moritz de Hadeln wäre sie vermutlich gar nicht beim Kinderfilmfest gelandet: Als sich die Diplompädagogin vor 17 Jahren bei dem damaligen Berlinale-Leiter um einen Job bewarb, wollte sie eigentlich als Gästebetreuerin arbeiten. Sie war gerade von Bielefeld nach Berlin gekommen, weil sie etwas Neues anfangen wollte mit ihrem Leben. De Hadeln engagierte sie für die Kinderfilm-Sektion, und drei Jahre später wurde sie deren Chefin.

Vielleicht ist Renate Zylla deswegen so resolut, weil sie das Kindergarten-Image des immer ein wenig abseits stehenden Festival-Bereichs gar nicht erst aufkommen lassen will. Von Anfang an hat sich die Sektion dagegen gewehrt, für niedlich gehalten zu werden. Als das Kinderfilmfest vor 25 Jahren gegründet wurde, hieß es noch betont lässig: "Kino für Leute ab sechs".

Renate Zylla sagt, dass es ihre Aufgabe ist, Filme auszusuchen für ein Publikum, das gute Filme braucht. Ein Publikum, das eben vor allem aus Sieben- bis 14-Jährigen besteht. Die Filme, die sie Kindern anbieten will, sollen berühren, Identifikation erlauben, Wärme haben und Tiefe. Das ist wichtig und nicht, ob der Regisseur den Film speziell für Kinder gedreht hat. Weil sie Kindern viel zutraut, zeigt sie manchmal auch Produktionen, die im Kino später als "normaler" Film auftauchen, wie "Zeit der trunkenen Pferde". Der iranische Film, der im vergangenen Jahr lief, erzählt beklemmend ernst von fünf kurdischen Geschwistern, die allein im verschneiten iranisch-irakischen Grenzgebiet zurechtkommen müssen.

Sie spricht von "Kinderfilmen", obwohl ihr wichtig ist, dass sie die alte Pädagogenfrage, ob ein Film für Kinder sei, nicht stellt. Aber den neuen Begriff "Familienfilm" mag sie nicht. "Da steht man wieder nicht zu Kindern als Zielgruppe."

Hilfe von Harry Potter

Sie sagt, der Erfolg der Harry-Potter-Verfilmung sei wichtig für den Kinderfilm: "Das macht deutlich, dass ein Publikum für solche Filme da ist." Wenn die deutschen Verleihfirmen das verstünden, könnte es vielleicht auch hier so werden wie in Dänemark, wo kein Kinderfilm produziert würde, der dann nicht ins Kino kommt. Von den etwa zwölf Filmen für Kinder, die auf der Berlinale laufen, finden im Durchschnitt drei einen Verleiher.

Beim Sprung auf die Leinwand kann das Berliner Kinderfilmfest helfen, das als weltweit wichtigstes Festival seiner Art gilt. "Mistkerl" zum Beispiel, einer der beliebtesten Filme der Berlinale 2001, kam nur ins Kino, weil die Kritiken so gut und die Zuschauer so begeistert waren.

Renate Zylla setzt darauf, Produzenten davon überzeugen zu können, dass es sich lohnt, Filme für Kinder zu machen. Bei der Premiere von "Minoes", dem niederländischen Film über die Mensch gewordene Katze, werden Mitarbeiter der Filmfirma Warner Bros. im Publikum sitzen. Die Kinderfilmfest-Chefin hat sie eingeladen.


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